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RC-Rally & -Rallycross in Österreich

RC-Rallyfahren ist an sich nichts Neues. Die Idee dahinter ist simpel: man nehme ein Tourenwagenchassis, baue längere Dämpfer ein und schraube Rallyreifen dran. Das Resultat macht jede Menge Spaß und ist noch dazu richtig günstig – wenn man weiß, wie man es richtig macht.

Die Tschechen haben es schon vor Jahren vorgezeigt: mit umgebauten Tamiya Tourenwagen-Chassis. Mit liebevoll gestalteten, selbst tiefgezogenen Lexanbodies und mit tollen, handgemachten Rally-Accessoires werden auf Parkplätzen, Schotterflächen und Waldwegen landesweite Rallymeisterschaften ausgetragen.


Die technische Basis

Die Technik dahinter ist simpel, kann via YouTube abgeschaut und nachgebaut werden (https://youtu.be/igg_-_sRCsk) und ist auch für Einsteiger leicht bewältigbar. Das im Video gezeigte Tamiya TT01E-Chassis stellt eine günstige und solide Basis für einen Rallyflitzer dar, genauso wie das Modster Street Racer V2-Chassis, das zusätzlich eine Rutschkupplung und CVDs in Serie verbaut hat.

 

Wer gerne mehr Einstellmöglichkeiten am Chassis hat und „Out-of- the-Box“ ein racingtaugliches Package wünscht, ist mit einem teureren Tamiya XV-01 oder dem MST-XXX recht gut bedient. Von diversen anderen Herstellern gibt es noch jede Menge an Rallymodellen abseits des gängigen 1:10er-Maßstabs, die aber in der Szene eher Exotenstatus einnehmen. Die Wahl fällt also auf Chassis mit ca. 260 Millimeter Radstand und maximal 200mm Breite.

Das A und O beim 1:10-Rallyauto sind die Dämpfer und die Reifen. Erstere sollten auf jeden Fall zwischen 60 und 65 Millimeter lang sein, und ölbefüllt, um auch welligen Untergrund und kurze Schläge gut abfedern zu können. Bei den Reifen gibt es mittlerweile eine interessante Auswahl von HPI über Tamiya bis hin zu Rally Legends, aber auch diverse Eigenmarken wie beispielsweise von Kayhobbies.at Unterschiedliche Untergründe verlangen nach unterschiedlichen Gummimischungen und Profilen, nicht zuletzt zählt hier auch der persönliche Fahrstil. Im Vergleich zum schier unüberschaubaren Reifenangebot bei Buggies oder Flachbahnern ist die Wahl der richtigen Gummis und Einlagen beim Rallyfahren einfach und hat in der Praxis auch weniger dramatische Auswirkungen.

Wieviel Tuning ist notwendig?

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Grundsätzlich ist eine harmonische, neutrale Abstimmung sinnvoll, denn dann liegt das Auto auf geraden und schnellen, welligen Kurven sicher und schlägt keine Haken – auch nicht bei Lastwechsel. Genug Power, um aus dem Stand heraus einen Slide zu provozieren, ist absolut unerlässlich, ansonsten ist Motorleistung nebensächlich (Grip ist wichtiger). Ich persönlich

ziehe Bürstenmotoren vor, weil sie im Vergleich zu Brushless-Kombos günstiger sind und nicht „wasserscheu“ sind, alles unter 17 Turns brushed oder über 3S ist unfahrbar oder killt das Material.

Schnelle, wasserdichte Servos der 7 bis 10 Kilo-Klasse helfen, den Wagen auch in kritischen Situationen sicher zu beherrschen. Gesperrte Hinterachsen erleichtern das Driften, machen die 4WD-Chassis aber bei hohen Geschwindigkeiten unruhig und erhöhen den Verschleiß drastisch. Abgedichtete Kugellager sind obligat.

 

Generell gilt: wer viel auf Waldboden, Lehm oder Schotter fährt, muss sein Fahrzeug regelmäßig zerlegen und warten, denn der Staub frisst sich in die allerkleinste Ritze! Speziell das von Scalin Basterds-Kollegen Michael Landerl und mir gefahrene TT01E-Chassis braucht viel Aufmerksamkeit, dankt es aber mit extrem günstigen Ersatzteilpreisen und seiner legendären „Zähigkeit“. Wir fahren oft auf unserer Lehmstrecke und schenken den Autos nichts (wie man im Video unschwer erkennen kann https://youtu.be/mRgJGIF9T9w), aber diese Plastikdinger kann man einfach nicht umbringen …

Das Fahren an sich

Anders als bei Buggies und Flachbahnern kommt es beim Rallyfahren primär auf die eigenen Fahrkünste an. Ein gutes Gefühl fürs Auto, ein sauber abgestimmtes Fahrzeug und eine gute Reaktionsfähigkeit machen viel Leistung oder teures Tuning beim

Kontrahenten locker wett – die Praxis hat es gezeigt! Der Reiz am Rallyfahren liegt definitiv an den konstruktiven Nachteilen der Chassis, denn Flachbahner liegen steif wie ein Brett am Asphalt und Buggies pflügen dank größerer Reifen und längerer Federwege über alles, was nicht bei drei am Baum ist … - Rally-Chassis sind eine Mischung aus beiden, aber weder schnell, noch geländegängig. Und genau DAS ist das Spannende!

Bei den Fahr-Modi wird grundsätzlich zwischen RC-Rally und RC-Rallycross (ferner Superstages oder Race of Champions) unterschieden. Wie bei den 1:1-Vorbildern werden bei Rally Stages von A nach B gefahren, Rallycross-Läufe finden dagegen auf Rundkursen statt.

Für die Piloten heißt das entweder dem eigenen Auto hinterher joggen (Rally) oder auf einem Fahrerstand die Strecke überblicken (Rallycross). Bisher hat sich gezeigt, dass bei uns Rallycross den größeren Zuspruch findet, weil es mit wenig zusätzlichem Aufwand auch auf Buggy-Bahnen ausgetragen werden kann (z.B. Modellbaugruppe 20 in Spillern). Aber die heimische Szene ist noch jung, und es kann sich noch viel tun!

Die Strecken

Eine Rally kann man fast auf jedem größeren Asphalt- oder Schotterplatz fahren. Die Kollegen aus Tschechien machen hier wieder einmal vor wie es geht: ein Mix aus unterschiedlichen Untergründen (rauer / glatter Asphalt, Schotter, Lehm oder Waldboden) machen Strecken interessant und selektiv, kleine Sprunghügel oder Schikanen ebenso. Ein absolutes No-Go sind grobe Steine, Äste, Wurzeln oder Schlaglöcher. Absolut erwähnenswert ist auch die Lösung in Spillern: dort wurde mittels diversen Beton- und Fliesenkleber-Resten, Sand, usw. eine zweite, künstliche Bahn mit verschieden absteckbaren Streckenlayouts auf kleinster Fläche verwirklicht.

 

Die Drift Basterds Crew aus Tulln hat bei der heurigen Wiener Modellbaumesse wiederum eine Indoor-Rallycross- Bahn aufgebaut – den Ideen sind also (fast) keine Grenzen gesetzt!

Beim Rallycrossen ist die Freiheit bei der Streckenwahl ebenso groß – vom Parkplatz bis zur Buggybahn (mit feinem Lehmuntergrund) ist so ziemlich alles möglich - große Sprunghügel oder Rampen aber nicht! Wir von den Scalin & Basterds haben auf einer privat zur Verfügung gestellten Fläche eine Asphalt-/ Lehmbahn mit Abmessungen von etwa 25 x15 Metern gebaut. Die Strecke ist mit Aluplanken und sandgefüllten Feuerwehrschläuchen fest begrenzt; mehrere Infield-Korridore – zusätzlich zum äußeren Ring - ermöglichen aber schnelle Layout-Änderungen innerhalb eines Renntags. Andere Begrenzungen wurden aus Holz, Kunststoffplatten und Iso-Schaumstoffrohren hergestellt. Generell empfiehlt sich, temporäre Streckenbegrenzungen „weich“ zu bauen, denn Rallyfahren ist ein Kontaktsport. Da fliegen schon einmal ein paar Autos in die Absperrungen, und besser die Streckenbegrenzung bricht, als das Auto ...

Feste Begrenzungen wurden dagegen crashsicher und vor allem wetterfest ausgeführt. Wir haben unsere Strecke mit vorhandenen Materialien aufgebaut; die Lehmerde war eine Spende von einem Pool-Aushub. Es lebe das Upcycling! Die aufgewendete Zeit ist bei so

 

einer permanenten Strecke allerdings nicht zu unterschätzen - alleine ist so etwas wohl kaum zu bewerkstelligen und zu pflegen; wir haben über mehrere Wochen oft zu dritt oder zu viert in unserer Freizeit daran gearbeitet!

Aber zetzt: Zahlen, Bitte!

Das schöne am RC-Rallyfahren ist: es muss nicht viel kosten! Ein Tamiya TT01E-Scirocco mit Regler und Standardmotor kommt auf knapp €85,-; mit Kugellagern, Rallyreifen, langen Dämpfern und einer günstigen 2,4 Ghz-Fernsteuerung liegt man komplett bei rund €200,-. Natürlich ist das Bessere der Feind des Guten, ein Tamiya XV-01 Long Damper Spec ohne Karosserie und Elektronik kostet etwa €200,-. Immer noch ein interessanter Preis, und man darf nicht vergessen: Ersatzteile dafür kriegt man in fast jedem Modellbaugeschäft um kleines Geld! Aber, wir sprechen hier natürlich von Bausätzen und keinen RTR-Modellen. Was aber an

sich egal ist, denn wir viel fährt, wird auch immer wieder schrauben (müssen).


Fazit und Ausblick

Eigentlich müsste die Sparte RC-Rally in den kommenden Jahren boomen. Die Preise sind im Vergleich zu Flachbahn-Rennern, Buggies und Scalecrawler niedrig, und man kann vieles selbst bauen und verbessern. Teures Alu-Blingbling und fette Brushless- Triebwerke bringen nahezu nichts, es kommt lediglich auf ein bisschen Talent an und die Freude am Fahren. Vom Parkplatz bis zum Waldweg lässt sich mit ein wenig Kreativität, handwerklichem Geschick und einer Portion Engagement leicht eine temporäre Strecke aufbauen, und schon kanns losgehen!

 

Also: wann werden wir die ersten offiziellen RC-Rallyläufe in Österreich erleben?

 

Fotocredits: © by Thomas Richter, Michael Landerl & Jürgen Adelmann.

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